In der Zange der Rentner-Gesellschaft?

Generationengerechtigkeit: Setzen – Sechs!?


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Es sei allen herzlich gegönnt: Um 5,35% erhöhten sich ab dem 1. Juli die Renten in den alten Bundesländern, gar um 6,12% in den "Neufünfländern". Für die Apotheken sind das gute Nachrichten, bestreiten sie doch, bei einem Bevölkerungsanteil von "nur" rund 22%, fast die Hälfte des Umsatzes mit den "65Plus". Diese sind traditionell somit unsere Hauptkundschaft und bescheren den Apotheken die Existenzgrundlage. Mehr Geld in diesen Taschen ist unser Vorteil, sind sie doch aufgrund ihres höheren Bedarfsprofils die interessanteste Kundengruppe auch für die Barverkäufe. Deutlich mehr Kaufkraft dort überkompensiert sogar Effekte, wenn Jüngere stärker aufs Geld achten müssen. Indes näht die aktuelle Angst vor unkalkulierbaren Energierechnungen selbst bei vielen Älteren die Geldbörsen zu.

Provokativ formuliert: Für die heutige Rentnergeneration, wenig schmeichelhaft vor Jahren schon als "Generation Kukident" tituliert, lässt es der Sozialstaat bei Licht betrachtet richtig krachen. Angesichts von bundesweit sogar 30% Anteil an den Wahlberechtigten, den die "65Plus" mit steigender Tendenz einnehmen, verwundert das nicht. Nimmt man noch die rentennahen Personen ab 60 Jahren hinzu, sind es rund 40%, in etlichen Wahlkreisen über die Hälfte. Allein die Kranken- und Pflegekosten für die Älteren erfordern mit gut 200 Mrd. € etwas mehr als Schulen, Universitäten und Kinderkrippen zusammen. Die Renten- und Pensionsaufwendungen samt Beihilfen haben inzwischen die Grenze von 400 Mrd. € überschritten, Tendenz klar weiter steigend. Erst wenn der "Berg der Babyboomer" – die in den 1960er Jahren Geborenen – einmal "durch" ist, wird sich die Lage aufgrund der viel kleineren nachfolgenden Generationen entspannen, allerdings fußend auf einer voraussichtlich schwächer bleibenden Arbeitskräftebasis.

An dieser Stelle wäre es bereits angemessen, "Arbeitskräfte" durch "Wertschöpfungsbeitragende" zu ersetzen. Leider können viel zu viele Zeitgenossen, gern in verantwortlicher Position, Arbeit, Leistung und Wertschöpfung nicht unterscheiden. Nicht jede verrichtete Arbeit trägt zum gesellschaftlichen Mehrwert bei, oft unabhängig von der Gehaltsklasse. Eine allzu große, wohl weiterhin steigende Zahl an Beschäftigten steht zwar in Lohn und Brot, erwirtschaftet damit aber keineswegs die Beiträge, die nötig wären, um das Sozialsystem am Laufen zu halten. Überschlägig wird ein beitragspflichtiges Bruttojahreseinkommen ab etwa 32.000 € benötigt, um bei Rente und Krankenkasse von den Besserverdienenden nicht quersubventioniert werden zu müssen; der neue Mindestlohn puffert diese Problematik etwas ab. Bei der Einkommensteuer liegen die Grenzen noch deutlich höher.

"Arbeit, Arbeit, Arbeit" ist also nicht der Königsweg, wenngleich besser als Müßiggang auf Allgemeinkosten. Wir müssen weit mehr auf (besteuerbare) Wertschöpfung achten, gerne automatisiert oder durch hochgereifte IT-Systeme erbracht. "Bullshit-Bingo-Jobs" nur der Arbeit willen oder ökologisch verklärter Bullerbü-Minimalismus helfen uns nicht weiter, die jetzt schon bestehenden, immanenten und immensen Zukunftslasten (v.a. Renten-, Pensions- und Gesundheitskosten) zu schultern. Sie sind nochmals deutlich höher als es die offizielle Staatsverschuldung jetzt schon ist.

Für das Alter geben wir heute fast das Doppelte wie für die Jugend aus. Im Kontext der Natur ist "Homo sapiens" damit einmalig, freilich nur in den gereiften Wohlstands-Industrienationen. Kein Lebewesen geht für ein Viertel oder ein Drittel seiner Lebenszeit in Rente und benötigt nebenbei noch gern ein weiteres Viertel bis zur Eigenständigkeit.

Machen wir hier das Fass der Umweltlasten und von natürlichem Ressourcenverbrauch erst gar nicht auf – in punkto Generationengerechtigkeit gebührt unserer Gesellschaft auch so eine glatte Sechs. Corona hat dem Ganzen noch die sprichwörtliche Krone aufgesetzt. Da helfen Argumente wie: "Das ganze Leben habe ich doch gearbeitet" nicht weiter. So wurde ja auch verdient, gelebt, letztlich zu wenig vorgesorgt, und dafür viele Ressourcen nebenbei verlebt. Soll der Generationenvertrag zu Gunsten unserer Hauptkundschaft weiter aufgehen, muss tatsächlich ein naturverträglich-wertschöpfungssteigernder (Innovations-)Ruck durch die Gesellschaft gehen. Sonst wird es bald verteilungspolitisch sehr ungemütlich.

Prof. Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

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