Das liebe Geld …

Schneiden wir wirklich so schlecht ab?


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Beginnen wir mit einem Blick über den deutschen Tellerrand: Der jüngste Survey der US-Portals Medscape zur Einkommenslage dortiger Mediziner ergab durchschnittliche Jahres-Bruttoverdienste von beachtlichen 344.000 US-$ für Angestellte und 374.000 $ für Selbstständige. Mit 619.000 $ standen plastische Chirurgen an der Spitze, Orthopäden, Kardiologen und Urologen übersprangen im Schnitt ebenfalls die halbe Million, am Schluss rangierten Kinderärzte mit knapp 250.000 $. Summen, von denen die meisten hiesigen Mediziner träumen können. Der Medianlohn der US-Angestellten liegt übrigens bei etwa 55.000 $. Fun fact am Rande: Auch US-Ärzte beklagen eine Menge Bürokratie und Verwaltung – in den Hauptdisziplinen im Umfang von rund 15 bis 18 Stunden wöchentlich!

Angestellte Pharmazeuten werden in den USA im Schnitt mit „nur“ etwa 140.000 bis 150.000 $ p. a. taxiert, sogar in Apotheken(ketten) wird sechsstellig bezahlt. Das klingt auch noch nach vergleichsweise viel. Der Abstand zu den Medizinern ist aber hoch, und so richtig weit bringt man es mit 150.000 $ brutto in San Francisco oder New York nicht. Das US-Gesundheitswesen steuert unterdessen auf gut 4,5 Billionen US-$ Gesamtausgaben zu, mehr als fünfmal so viel wie für das ebenfalls üppig ausgestattete dortige Militär. Rund 18 % der Wirtschaftsleistung gehen in den Healthcare-Sektor, zum Vergleich sind es in Deutschland etwa 13 %. Ein ganz wesentlicher Faktor sind die Lohnkosten. Für die Beschäftigten oder die Pharmaindustrie herrschen in USA vergleichsweise (noch) goldene Zeiten mit schwarzen Wolken am fernen Horizont. Trotzdem ist der Outcome des US-Gesundheitssystems in der Breite erstaunlich bescheiden.

Das traditionelle Hochlohn-Land Schweiz hält da nur mühsam mit. So zwischen 7.000 und 10.000 Schweizer Franken monatlich – also rund 90.000 und 130.000 CHF jährlich – spielt sich das gern für Pharmazeuten ab, mit deutlich niedrigeren Abzügen, aber weit höheren Lebenshaltungskosten, falls man in der Schweiz leben darf (oder muss?). Lediglich bessere Kaderpositionen v. a. in der Industrie versprechen deutlich höhere Saläre. Attraktiv ausschauende Löhne bei (sehr) hohen Kosten und Abgaben bestimmen auch die Lebensrealität in den meisten nördlichen Staaten. Schweifen wir weiter südlich, geht es dagegen mit steigenden Temperaturen beim Lohn abwärts. Mit rund 40.000 € brutto im Jahr gehört man in Italien (vor allem südlich von Mailand), Spanien oder Portugal bereits zu den gut verdienenden Angestellten in der Apotheke. Für Inhaber/innen reißen es die besseren prozentualen Renditen nicht heraus – es gibt erheblich mehr Apotheken je Einwohner, und der Markt an sich (Pro-Kopf-Pharmaumsatz) ist deutlich kleiner. Billig ist das Leben im Süden Europas zudem schon lange nicht mehr. Entschädigt dafür der Sonnenschein? Und in Osteuropa sieht es noch düsterer aus.

So betrachtet, liegen wir in Deutschland finanziell gar nicht so schlecht im Rennen. Wenn wir uns innerhalb unseres Landes vergleichen, empfehlen sich Jobportale wie z. B. Kununu. Nicht nur sind etliche Gehälter ernüchternd, vor allem im Handel, sondern gerade die Berichte zu den Arbeitsbedingungen. Bevor also jemand aus der Apotheke abwandert, sei ein Seitenblick angeraten. Auch woanders wird nur mit Wasser gekocht, sind die Anforderungen und das Primat der Wirtschaftlichkeit noch viel stärker ausgeprägt. Dagegen erscheinen viele Apotheken immer noch als veritable Komfortzonen, allen Alltagswidrigkeiten zum Trotz. Es wird daher spannend, ob so manch Abwanderer am Ende nicht doch wieder in die heimische Apotheke zurückfindet – weil auch woanders der Himmel nicht nur voller Geigen hängt.

Jeder ist zudem die „Klimaanlage seines Umfelds“, und das gilt herausragend für Arbeitgeber. Sie haben es selbst in der Hand, für ein fröhliches, motivierendes, gleichwohl leistungsorientiertes Arbeitsumfeld zu sorgen. Und ja, dafür braucht es die wirtschaftlichen Randbedingungen, die das ermöglichen. Hier stehen wir am Beginn eines wohl längeren Prozesses, diese neu zu justieren. Doch nutzen Sie ungeachtet dessen die Urlaubszeit, und schauen Sie einmal bei den Kollegen/innen im Ausland vorbei. Das sollte für so manch Inspiration gut sein – und für die eine oder andere Erdung.

 

Prof. Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

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