Eine etwas andere Ursachensuche

Geschlossen wegen „will keiner mehr“


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Das Leben schreibt die besten Geschichten, das schöne Sommerleben noch mehr. Und so war der Autor mal wieder in der Tübinger Umgebung per Fahrrad unterwegs und strandete mehr zufällig in einem hübschen Ort, in welchem eine ehemalige Studentin aus der Tübinger Promotionszeit eine typische Kleinstadt-Apotheke betreibt. Durchaus gut gelegen, in einem Ort, der keineswegs völlig „ab vom Schuss“ liegt, wie so manch andere Apotheken auf der schwäbischen Alb oder sonst wo in Klein-Rabenstein hinter dem Wald. Ein frohes Hallo, und natürlich der Austausch über die aktuelle Lage.

Im Grundsatz ist der Betrieb kerngesund. Geld ist nicht das vorrangige Problem, es bleibt schön etwas übrig. Eigentlich hätte man lieber mehr Freizeit und Luft zum Atmen – ja, das Thema Personal. Trotz langer und munterer Suche auf allen heutigen Kanälen, guter Bezahlung, einem Top-Betriebsklima – keine Resonanz. Demnächst steht die Berentung pharmazeutischer Mitarbeiter an. Die Aussicht, bald alleine in der Apotheke zu stehen, nimmt greifbare Konturen an. Stundenweise „Miet-Apotheker“ von teuren Vermittlungsagenturen können das Allerärgste abwenden, sind aber keine tragfähige Dauerlösung, auch wirtschaftlich nicht. Als wäre das nicht genug, erklimmen „Pflichten“ aller Art, meist ohne erkennbaren Patienten- oder Gesellschaftsnutzen, neue Höchststände. Die Digitalisierung ist dabei immer noch an viel zu vielen Stellen mehr Frust als Lust. Wohlgemerkt – bei einem putzmunteren, gesunden Betrieb mit einer von der Pharmazie selbst nach so vielen Jahren hellauf begeisterten Kollegin. Angesichts dieser Sachlage zieht bereits die nächste Wolkenfront am Himmel auf: Wer wird diese Apotheke je einmal übernehmen, zu welchen Bedingungen? Die Sorge, überhaupt jemanden zu finden (wenn man nicht mal Mitarbeiter findet), ist nachvollziehbar. Wie es tatsächlich kommt, bleibt abzuwarten.

Sicher ist das ein anekdotischer Einzelfall, dessen Umrisse jedoch auf einen immer größeren Teil der Apotheken zutreffen. Apotheken, bei denen es sich um gut gehende, wirtschaftlich gesunde Betriebe handelt, also keineswegs die „Fußkranken“, standortmäßig Abgehängten oder Heruntergekommenen. Geld ist somit nur ein Teil des Problems, womöglich inzwischen sogar der kleinere. Natürlich ist der Wunsch nach höheren Einnahmen so naheliegend wie verständlich. Doch würde selbst ein großzügiger, warmer Regen aus der Gießkanne die zahlreichen Probleme der niedergelassenen Apotheken allein lösen? Ähnliche Befunde bei der Ärzteschaft lassen Zweifel aufkommen.

Die Strukturkrise, so muss man es wohl inzwischen nennen, wurzelt tiefer. Verrückt daran ist, dass wir von einem „gesunden“, wachsenden Markt reden, also keiner Strukturkrise, wie wir sie einst bei Kohlegruben, aktuell in Autoindustrie, Maschinenbau, Chemie oder den Energieanbietern haben. Hier stehen ja absehbar ganze Marktsegmente auf der Kippe, Geschäftsmodelle wackeln. Die einzigen echten Spielverderber sind hingegen bei uns der Versandhandel, der real Marktvolumen absaugt, und eine regulierungswütige, möglicherweise weiterhin hartleibige Politik mitsamt unserer damit verbundenen Fremdbestimmung. Aber rein marktökonomisch stehen wir auf der Sonnenseite.

Dennoch wollen offenkundig immer weniger Menschen die Apotheken-Jobs machen. Parallelen zum Handwerk – ebenfalls mit „goldenem Boden“ und Optionen auf Selbstständigkeit – tun sich auf. Hier scheut man gleichfalls Arbeitsbedingungen, -zeiten und -orte. Eine Ursache liegt sicher darin, dass es den Arbeitnehmern immer noch (zu) gut geht, es Job-Alternativen gibt und es allenthalben, inzwischen leiser, „Fachkräftemangel“ tönt. Das könnte sich bald ändern. Ungeachtet dessen steht es mit der Attraktivität der Apothekenberufe nicht zum Besten. Akademiker letztlich als „verlängerter Zeigefinger des Arztes“, zerrieben zwischen Mühlsteinen namens Paragrafen- und Regulierungsdschungel, mächtigen Krankenkassen, viel selbstbewussteren Kunden und den eben ihre Macht zu sichern wissenden Ärzten, und daneben unsere Assistenzkräfte mit mäßiger Bezahlung und nochmals weniger Entwicklungsmöglichkeiten: Vergnügen geht anders! Kehren Spaß, Zufriedenheit und Sinngebung nicht zurück, steht es schlecht um die Zukunft der traditionellen Apotheken. Da hilft auch mehr Schmerzensgeld wenig, sondern lindert nur etwas das Leid, bekämpft aber nicht die Ursachen.

Prof. Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

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